Konzeptgedanken zu Carmen von
Regisseur Tassilo Tesche, im Gespräch mit Dramaturg Patrick Hahn
Bereits ihr Name löst Bilderfluten aus: Carmen. Bilder von Verführung und Kampf, Freiheit und Schicksal, Liebe und Tod. Viele dieser Bilder tragen folkloristische Züge. Stramme Offiziere paradieren in gestriegelten Uniformen, langhaarige Frauen räkeln sich lasziv, während Kastagnetten klappern, eine Volksmenge jubelt dem siegreichen Matador zu.
Doch der Anschein täuscht. Das Personal der Oper stammt mitnichten aus dem Bilderbuch eines Spanienreisenden. Die erotische Zigeunerin ist eine Frau am Rande der Gesellschaft, der todesmutige Stierkämpfer ist jemand, der mit dem Tod spielt, der eifersüchtige Offizier ist ein Mann, der verlernt hat in anderen Kategorien zu denken als "Befehl" und "Gehorsam". Aus dieser Grundkonstellation entstehen die dramatischen Spannungen dieser Oper. Ihre Verortung in einem bestimmten Milieu nutzte Bizet um eine Welt zu kreieren, die auf die Zeitgenossen exotisch wirkte, faszinierend fremd. Daher soll auch in dieser Inszenierung eine Welt entstehen, die exotisch, aber nicht historisch wirkt, in der die Charaktere desto überzeugender lebendig werden können. Genauso wenig wie Bizet eine rauchende Zigeunerin in einer Fabrik gemeint hat, genauso wenig denkt diese Inszenierung an die bettelarmen Zigeuner in der Fußgängerzone. Die Menschen am Rande der Gesellschaft, sie stammen in dieser Inszenierung aus dem fahrenden Volk der Akrobaten und Zauberer, wie man es damals und heute im Zirkus finden kann.
Carmen ist der Star des Wanderzirkus. Kunstvoll baut Bizet die Erwartung auf, die Spannung steigt für die Zuschauer auf der Bühne wie im Parkett, bis Carmen die Nummer zum Besten gibt, für die sie alle lieben: ihre Habanera, "Ich will euch meine Liebe schenken, vielleicht morgen, aber heute nicht, c'est certain..."
Auch Carmen selbst beherrscht das Spiel mit den Erwartungen ihrer Zuschauer. Der Einsatz ihrer Reize ist genau choreographiert: ihre erotische One-Woman-Show weiß, wie sie das Begehren auf der Bühne und im Zuschauerraum weckt.
Anders ausgedrückt: Ihr erster Auftritt ist bereits Theater auf dem Theater. Je deutlicher dieses Theater auf dem Theater gezeigt wird, desto erstaunlicher wird die Tatsache, dass innerhalb dieser Show echte Gefühle komponiert sind, und uns diese Gefühle ganz unmittelbar erreichen!
Auch Carmen selbst erlebt diesen Umschlagpunkt vom Spiel in schicksalhaften Ernst. Bizet spielt ganz bewusst mit Klischee und Wahrheit, wenn Carmens Freundinnen beim Kartenlegen Millionär und Märchenprinz begegnen. Dieselben Karten sagen Carmen den Tod voraus. Auf einmal wird etwas wahr und bedeutsam, was gerade noch naiver Kartenzauber war.
Ein Moment wie in Pamplona: wagemutige Jugendliche rennen durch die Straßen, es ist alles Volksfest und auf einmal wird unter dem Balkon des Goethe-Instituts einer von ihnen von einem Stier aufgespießt, seine Eingeweide fallen heraus. Aus Spiel wird blutiger Ernst. Aber warum sollte jemand nach Pamplona reisen, wenn nicht, um diesen Kitzel zu erleben? Innerhalb eines Stierkampfs ist es möglich, Dinge, die innerhalb der Gesellschaft mit einem Tabu belegt sind, zur Schau zu tragen. Der Stier geht ebenso zwangsläufig seinem Tod entgegen, wie jeder Mensch. Zugleich ist es ein Mensch, der nach bestimmten, ritualisierten Regeln, diesen Opfertod ausführt, der es der Gesellschaft ermöglicht, weiter zu machen.
Während Don José und Carmen sich zu ihrer finalen Aussprache gegenüberstehen, dringen immer wieder Jubelrufe heran. Was, wenn diese gar nicht dem Stierkampf gälten, sondern einem ganz anderen Opfertod? Was, wenn Carmen selbst vor den Augen des Chores ihren Opfertod stürbe? Mit Ihrer unabhängigen Sexualität hat sie eine Linie überschritten, die sie gesellschaftlich ausgrenzt. Ihre Freiheit bedroht aber auch die Gemeinschaft. Sie muss sterben, weil sie eine rebellisch Liebende war. Oder ist es genau anders herum? Carmen muss auf der Bühne sterben, damit für uns im Publikum die Idee der rebellischen Liebe wieder lebendig wird? Vielleicht trügt ja der Eindruck, dass man hofft, die Seiltänzerin möge nicht abstürzen. |
HANDLUNG: „Carmen“
Erster Akt
"Ein Platz in Sevilla" - Zirkus
"Drôles de gens" - "seltsame Menschen" versammeln sich unter den Augen der erwartungsvollen Männer. Was bereiten diese Zigeunerinnen, "bohémiens", Schausteller vor? Die Männer sind unruhig, sie scheinen auf eine Zirkusvorstellung zu warten. Die Trompete ertönt! Beginnt das ersehnte Schauspiel? Nein, die Trompete gilt den Kindern der Stadt. Sie spielen Soldaten und werden von den Zirkusartisten unterhalten. Die Männer sind gelangweilt.
Aber nun ertönt die Glocke und endlich kommen die Frauen, sie singen von "la fumée": Die Liebe "steigt uns wie Rauch zu Kopfe und beschwingt unsere Seelen". Sie tanzen. Die Männer umwerben sie mit "propos d´amour".
Aber eine Frau fehlt: Carmen!
Sie ist der heißersehnte Star, jeden Tag kommen die Männer, um ihren Auftritt zu erleben. Sie singt ihre "Habanera": "l´amour est enfant de Bohême, il n`a jamais connu de loi" - die Liebe kennt keine Regeln und "wenn ich Dich liebe, nimm Dich in acht!" Die Männer sind begeistert, sie werfen ihr Blumen zu wie einer Operndiva. Nur einer jubelt ihr nicht zu: Don José.
Aufgereizt von seiner Gleichgültigkeit geht Carmen zu ihm und schmeißt ihm eine der Blumen zwischen die Augen. Dann verlässt sie lachend die Bühne, die Frauen und Männer folgen ihr, die Show ist zu Ende.
José bleibt alleine zurück, er sinniert: Die Blume hat ihn getroffen wie eine "balle", eine "Gewehrkugel", er ist verwirrt, verzaubert, "wenn es Hexen gibt, so ist dies sicher eine".
In diesem Moment kommt Micaela, die Liebe seiner Jugend, sie bringt ihm einen Brief von seiner Mutter, und sie schwelgen in gemeinsamen Erinnerungen. Als sie ihm zum Abschied einen Kuss gibt und er alleine zurückbleibt, schwört er sich wieder auf seine Liebe zu ihr ein, er will sie heiraten - "trotz Deiner Blumen, verdammte Hexe!"
Hinter der Szene ertönen Schreie, die Frauen stürmen auf die Bühne und umringen ihn, "au secour", zu Hilfe! Es hat eine Messerstecherei gegeben, Carmen hat Manuelita verletzt, sie streiten sich, wer angefangen hat.
Zuniga kommt, sein Wort ist Gesetz in Sevilla, er befiehlt José, die Streitenden zu verscheuchen und die Schuldige vor ihn zu bringen. Auch Zuniga ist sehr angetan von Carmens Schönheit und will sie für sich haben, er befiehlt José, sie einzusperren.
Carmen, schon in Fesseln, verspricht José ihre Liebe mit dem aufreizenden "Près des remparts de Séville... qui veut m`aimer? je l`aimerai!", wenn er ihr hilft zu fliehen, will sie sich ihm hingeben! Als Zuniga zurückkommt, befreit José Carmen. Lachend flieht sie und setzt José dem Ärger Zunigas aus.
Zweiter Akt
"In der Schenke"- Nightshow
Carmen singt und tanzt mit ihren Freundinnen Frasquita und Mercedes für die Männer. Auch Zuniga ist anwesend, er erwähnt beiläufig, dass er José wieder freilassen wird. Sie tun so als wäre nichts zwischen ihnen vorgefallen.
Als die Show vorbei ist und die Männer gerade heraus komplimentiert werden, erscheint Escamillo, Torero aus Granada.
Er ist der neue Star und alle Männer sind begeistert von der Aussicht auf den nahen Kampf, sie lassen ihn mit "Vivat" hochleben.
Er gibt eine spielerische Stierkampfeinlage und fordert als Lohn des "toreador" die Liebe. Natürlich fällt seine Wahl auf Carmen, die sich zwar verweigert, aber ihm mit ihrem " il est permis d`attendre, il est doux d`espérer" Anlass gibt zu hoffen.
Die Männer nehmen Escamillo in ihre Mitte und ziehen ab. Kaum sind sie weg, erscheinen Dancairo und Remendado, sie wollen als Schmuggler ihr Geld verdienen und überreden die Frauen mitzukommen. In ihrem Quintett feiern sie ihre Freundschaft und ihr Leben außerhalb des Gesetzes.
Als hinter den Wänden der Arena Josés Lied erklingt, schickt Carmen ihre Freunde weg. Sie ist gespannt auf den Mann, der sich für sie gegen Zuniga gestellt hat und will ihm alleine begegnen. Widerwillig gehen Remendado und die anderen ab: "Dis lui de nous suivre!", sie soll José für ihre Pläne gewinnen.
Carmen tanzt für José und begleitet sich selbst mit den Kastagnetten. José ist hin- und hergerissen zwischen seiner Leidenschaft für Carmen und seinem bürgerlichen Leben, er will Carmen, aber hofft noch auf die Vergebung Zunigas. Carmen ist verletzt von seiner Kleinmütigkeit und stellt seine Liebe in Frage. Nie hat eine Frau seine Seele so verstört: "La fleur que tu m`avais jetée", die Blume hat während seiner Gefangenschaft seinen Wunsch, Carmen wiederzusehen, ins Unermessliche gesteigert und er beteuert ihr seine Liebe.
Als Carmen darauf besteht, dass seine Liebe nur dann zählt, wenn er bereit ist, sein bisheriges Leben für sie aufzugeben, reißt er sich los. Gerade als sie sich mit "adieu pour jamais!" verabschieden, klopft es und Zuniga stürmt herein. Er hat es immer noch auf Carmen abgesehen und beleidigt José und schickt ihn weg. José zieht seine Waffe und bedroht ihn. In diesem Moment kommen Dancairo, Remendado, Frasquita und Mercedes zurück, beschimpfen Zuniga und werfen ihn raus.
Nun ist José der Rückweg endgültig abgeschnitten, die Freunde fordern ihn auf, mit ihnen zu gehen; sie begeistern sich für "la liberté", ein Leben in Freiheit, das José nicht bewusst gewählt hat.
Pause
Dritter Akt, erstes Bild
"In der Schlucht" - Prozession
Der Ort ist verwandelt, alle Ausgänge sind versperrt. Dunkle Gestalten steigen in die Arena ein, sie schmuggeln geheimnisvolle Objekte und beginnen ein seltsames Spiel. Carmen und José streiten, er droht, "wenn Du mich fortschickst Carmen, dann..." sie entgegnet scherzend "Tu me tuerais peut-être?" - "was willst Du machen, mich töten?"
Während die anderen schlafen beginnen Frasquita und Mercedes Karten zu legen und blicken in die Zukunft. Als Carmen die Karten nimmt, sieht sie immer wieder ihren nahen Tod. Sie akzeptiert ihr Schicksal und wischt ihre Schwermut beiseite. In einem fröhlichen Marsch gehen alle ab und lassen den schlafenden José alleine zurück.
Micaela ist auf der Suche nach José an diesen schaurigen Ort gekommen, sie will ihn zurück erobern. José schreckt auf, erblickt aber nicht sie, sondern eine andere dunkle Gestalt, noch im Halbschlaf schießt er und verfehlt um Haaresbreite den anderen Mann, der sich als Escamillo zu erkennen gibt. Micaela versteckt sich.
Escamillo beteuert, in guter Absicht gekommen zu sein, er will die Schmuggler zum Stierkampf einladen, vor allem eine, die er zugibt "à la folie" - bis zum Wahnsinn zu lieben. Als sie bemerken, dass sie Nebenbuhler sind, fordert José ihn zum Kampf. Gerade als es José gelingt, ihn zu überrumpeln, kommen die Schmuggler zurück und Carmen geht dazwischen. Sie schlichten den Kampf und drängen José zum Aufbruch. Remendado entdeckt Micaela. José weigert sich, mit ihr zu seiner Mutter zurückzukehren. Aber als Micaela ihm eröffnet, dass seine Mutter im Sterben liegt, ändert er seinen Beschluss. Düster prophezeit er Carmen ein baldiges Wiedersehen.
Dritter Akt, zweites Bild
"Ein Platz in Sevilla" - Arena
Die Bürger der Stadt erwarten gespannt den Beginn des Stierkampfes. Carmen und Escamillo, die Zirkusprinzessin und der Stierkämpfer werden als das auserwählte Paar gefeiert. Als Escamillo sich zurückzieht, um sich auf den Stierkampf vorzubereiten, warnt Frasquita Carmen vor dem eifersüchtigen José, der sich in der Menge versteckt hält. Carmen will ihrem Schicksal nicht ausweichen und schlägt ihre Warnung in den Wind. Während die Bürger ihre Zuschauerplätze einnehmen, bleibt Carmen mit José zurück. José behauptet, Carmen immer noch zu lieben und will ein neues Leben mit ihr beginnen. Aber Carmen liebt ihn nicht mehr, "libre elle est née et libre elle mourira." - sie schätzt ihre Freiheit höher als ihr Leben. Sie wirft ihm den Ring, den er ihr einst schenkte, vor die Füße.
Don José will sie besitzen und kann mit dieser Zurückweisung nicht umgehen.
Er tötet Carmen. Die Bürger in der Arena jubeln. |