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15. Opernfestival Gut Immling:

Auch 2011 wieder große Opern
vor spektakulärer Alpenkulisse

Aida und Don Giovanni bringen im kommenden Jahr zwischen 18. Juni und 14. August Nil-Ambiente und Mozarts „Oper aller Opern“ in den Chiemgau

Gut Immling – Das Operfestival Gut Immling zählt zu den mittlerweile meistbesuchten Musikfestivals in Bayern: große Oper vor der Kulisse der Alpen im Herzen des Chiemgau.  Ein Event  mit internationalen Künstlern und hochkarätiger Inszenierung in direkter geografischer Linie zwischen dem grünen Hügel von Bayreuth und den Salzburger Festspielen. 2011 auf dem Programm des 15. Festivals: neben anderem Opern von Verdi, Vivaldi und Mozart.

Zum Festival 2010 kamen bei meist ausverkauftem Haus insgesamt 16.000 Besucher zu 29 Vorstellungen. Im Jubiläumsjahr 2011 erwartet Intendant  Ludwig Baumann bei den geplanten 30 Vorstellungen einen erneuten Besucherrekord.

Drei große Eigeninszenierungen stehen 2011 auf dem Programm: Die Monumental-Oper „Aida“ von Guiseppe Verdi  bringt Nil-Ambiente in den Chiemgau. Aida gilt als die Oper aller Opern, spektakulär in der Handlung, atemberaubend in der Kulisse. Musikalische Leitung: Cornelia von Kerssenbrock.  Die zweite große Inszenierung: Don Giovanni, wie auch Aida mit den Münchner Symphonikern. „Die Entfesselung der Sinne, die Personifikation von Eros, die Mensch gewordene Anarchie“, schreiben Kritiker über Mozarts Meisterwerk.
Als Produktion der Akademie Gut Immling steht die Barock-Oper „ Orlando Furioso“ (21.07.) von Antionio Vivaldi auf dem Programm - eine Inszenierung mit jungen Nachwuchssängern und dem Immling Chamber Orchester unter dem Dirigat der musikalischen Leiterin des Festivals, Cornelia von Kerssenbrock, die sich international auch als Barockspezialistin einen Namen gemacht hat.

Als großes Orchesterkonzert steht Orffs „Carmina Burana“ auf dem Programm. Cornelia von Kerssenbruck dirigiert auch bei diesem Abend der starken Gefühle die Münchner Symphoniker.  Das berühmte Klavierkonzert Nr.1 in b-moll op.23 von P.I. Tschaikovsky spielt die usbekische Nachwuchspianistin Kamila Akhmedjanova – eines der größten Talente ihres Landes

Ein Wunderkind am Simssee
Für Kenner: die „Konzert Matinee“ im Atelier der Künstlerin  Antje Tesche-Mentzen im Hafendorf am Simssee mit dem Pianisten Kit Armstrong – ein 18-jähriges Wunderkind aus den USA. „Er ist die größte Begabung, der ich in meinem ganzen Leben begegnet bin“, schrieb der berühmte Pianist Alfred Brendel.
 
„Ein Glück ohne Ruh“ – ist ein besonderer Liederabend zum 100. Todestag von Gustav Mahler, begleitet von einer interpretierenden Lesung aus Briefen von Gustav Mahler durch Verena von Kerssenbrock .

Besonderes Aushängeschild des Festivals auch im kommenden Jahr: die Open-Air-Events bei Sonnenuntergang auf der Gutshof-Terrasse unter anderem mit „O sole mio“, dem schon legendären und beliebten „Tenor-Wettstreit“ in neuer Version.
Ebenfalls, wenn wetterbedingt möglich, unter freiem Himmel vor der atemberaubenden Kulisse und im Licht der Abendsonne hoch über dem Chiemgau geplant:  

Krönender Abschluss: Das Finale Grande.
Die spektakuläre Operngala zum Abschluss des 15. Opernfestivals Gut Immling, das Finale Grande, hat schon Tradition.  Die besten Sänger und Musiker des Festivals 2011, die Solisten und der Festival-Chor Gut Immling werden bei diesem Finale Grande das Publikum wie in allen Jahren zuvor begeistern.  Auf dem Programm dieses festlichen Abends steht 2011 eine Auswahl der schönsten Opernarien, Duette und Opernchöre mit dem großen Festivalchor Gut Immling.

Seit der ersten Operninszenierung auf Gut Immling - Mozarts Zauberflöte im Jahr 1997 - gehört das Festival nahe Bad Endorf am Chiemsee zu den erfolgreichsten Newcomern der internationalen Festspielszene und zu den spektakulärsten Musikfestivals in Deutschland. Die musikalischen Ansprüche des Initiators Ludwig Baumann waren von Anfang an ebenso hoch wie die Zahl internationaler Spitzensänger auf der Bühne. Auch für den Opern Event 2011 wurden wieder Sänger aus 14 Ländern engagiert. 
 

Premiere: „Immling meets Ascot“
Als Special Event beim Jubiläumsfestival im nächsten Jahr geplant: „Immling meets Ascot“ am 2. Juli, eine einzigartige Freiluft-Party,  very british, very stylish -
eine edel-elegante Inszenierung  unter freiem Himmel mit klassischen Musikensembles und Pferdeshow, geprägt vom eleganten Flair der weltberühmten englischen Rennbahn von Ascot.
Noch eine Besonderheit dieser Super-Party: Es gibt eine limitierte Anzahl von VIP-Karten, 1 Glas Champagner,  an einem VIP-Buffet genießen und einen Platz im eigenen Pavillon (ab 6 Personen) inklusive.


Kritikenauszüge

Vorbericht zum "Fliegenden Holländer" auf SWR 2, Sendung "Musik aktuell", 25. Juni aum 15.30 Uhr, Autorin Susanne Lettenbauer
Link zu SWR..


Das Opernglas, September 2010, von W. Kutzschbach

Der fliegende Holländer

Opernfestival Gut Immling, 2. Juli

Erstmals in seinem 14-jährigen Bestehen hat sich das Opernfestival Gut Immling eines Werkes Richard Wagners angenommen, und mit der Wahl hat man einen guten Griff getan, denn auch stimmverwöhnten Opernbesuchern wurde zwischen bayerischen Wäldern und Wiesen eine dem Werk angemessene Wiedergabe geboten.
Die auch optisch elegante Stabführung der musikalischen Leiterin des Festivals Cornelia von Kerssenbrock animierte das Orchester der Münchner Symphoniker zu einer ansprechenden Leistung. Einzelne Trübungen in den Bläsern waren wohl eher der schwülen Atmosphäre in der 700 Besucher fassenden Reithalle zu verdanken. Mit zügigen Tempi, klugen Steigerungen und aufmerksamer Unterstützung für Sänger und Chor wurde ein beachtliches Niveau erzielt. Vielleicht war es der Umstand, dass die Dirigentin selbst die Einstudierung des Festivalchores vorgenommen hatte, jedenfalls war es eine Freude, nicht nur zu hören, sondern auch optisch mitzuerleben, mit welchem Engagement die einzelnen Chorsänger agierten – man spürte die Freude am Singen und an der Aneignung auch von Werken der Opernliteratur.
In der Titelrolle überzeugte der Russe Dimitri Kharitonov mit hell timbriertem und vibratoreichem Bassbariton und überraschend deutlicher Deklamation. Dem eher belkantesken Vortrag fehlten nur entsprechende fahle Töne und das Dämonische dieser Opernfigur. Mit etwas grobem und dunklem Bass gab der Pole Marek Gasztecki einen klug zwischen jovial und gierig austarierten Daland. Wenngleich der Sopran von Inga Balabanova nicht dem hochdramatischen Fach zuzuordnen ist und die bisherige Karriere stark von Rossini geprägt war, ihre Senta wusste auf andere Art als gewohnt zu gefallen. Den Mangel an kraftvollen, ansatzlosen Spitzentönen in der Ballade glich sie weitgehend durch weiche und runde Tongebung aus. Damit betonte sie mehr den Kindcharakter als den einer Wagnerheroine. Die beste Phrasierung hatte naturgemäß Ralf Willershäuser als Erik, der als lyrischer Tenor im dritten Akt allerdings deutlich mit den kraftvollen Ausbrüchen der zwar kurzen, aber anspruchsvollen Partie zu kämpfen hatte. Snejinka Avramova als mütterliche Mary und Giorgio Valenta als Steuermann mit einigen Kratzern in der Höhe komplettierten die Besetzung.
Auch auf Gut Immling versucht man sich an Regieexperimenten anstelle traditioneller Inszenierungen: Verena von Kerssenbrock ließ das Geschehen als Traum Sentas ablaufen, eine schon öfter auf Bühnen erprobte Möglichkeit, die vor allem aus Sicht des zweiten Akts naheliegt und die Handlung in mancher Beziehung sogar glaubhafter werden lässt. Als Besonderheit versuchte Senta in diesem Fall das Rätsel ihrer Visionen wie ein Puzzlespiel zu lösen. Die abwechslungsreiche Szenerie von Claus Hipp, Babykost-Produzent und Sponsor, der nach dem vorjährigen „Macbeth“ nun mit Studenten der Kunstakademie aus Tiflis seine zweite Arbeit ablieferte, sorgte für einige spannende Auftritte und Abgänge sowie magische Momente. Beispielsweise dann, wenn das rote Segel des Holländerschiffs im zweiten Akt als Band zwischen Senta und dem Holländer dient oder die über die Bühne verteilten gespenstischen Puppen als Symbol für die Mannschaft des Holländerschiffes und im zweiten Akt als Kleiderpuppen für den hier nicht spinnenden, sondern nähenden Mädchenchor herangezogen werden. Sogar die Beglückung der Seeleute mit einer Prostituierten durfte als heute gern angewendete Bereicherung durchgehen. Allerdings führte die zeitliche Teilung der Handlung nicht zu einer überzeugend kohärenten Lösung. Die Ouvertüre mit einer das Puzzle zusammensetzenden Senta sowie die ersten Abschnitte von erstem und zweitem Aufzug und der dritte Aufzug spielten im 20. Jahrhundert, der Rest als Rückblende auf Vergangenes im 18. Jahrhundert. Auch die unübliche Ansetzung einer einzigen dreiviertelstündigen Pause nach dem zweiten Akt strapazierte die Aufmerksamkeit des Publikums etwas.

Als Beitrag zur flächendeckenden kulturellen Grundversorgung ist das Festival mit 15.000 Besuchern, Kinder-Kulturwoche und Gesangsakademie ein wichtiger Baustein in der alpenländischen Opernlandschaft, und angesichts des selbst in dieser Region regen Publikumsinteresses braucht einem um die Zukunft der Oper nicht bang zu werden. Im nächsten Jahr wird man sich beim Opernfestival Gut Immling neben „Don Giovanni“ auch an „Aida“ wagen.

Premierenkritik „Der fliegende Holländer“

Festspiele Gut Immling


Sendung: Piazza, 26. Juni 2010,
Redaktion: BR Klassik / E-Musik 1

Anmoderation:
Der „Fliegende Holländer“ von Richard Wagner und das Opernfestival Gut Immling - das erscheint zunächst als denkbar großer Kontrast: auf der einen Seite die Bauernhof-Idylle von Gut Immling zwischen sanften Hügeln und grünen Wäldern; auf der anderen Seite der Fliegende Holländer, ein düsteres Sturm-und-Drang-Stück, das an der rauen Küste Norwegens einem unausweichlichen Ende zusteuert: Dem Opfertod Sentas, die durch diesen ultimativen Treueschwur den Fliegenden Holländer endlich von seiner Irrfahrt auf den Weltmeeren erlöst.
Mit dem Fliegenden Holländer hat sich das Festival erstmals an Wagner herangewagt. Die Wahl des Holländers scheint dabei nicht zufällig. Denn der Holländer weist zwar schon deutlich auf das Wagnersche Musikdrama voraus; dabei ist er aber noch den Konventionen der romantischen Nummernoper verpflichtet, und für Wagnersche Dimensionen ein relativ knappes Werk. Wie sich Gut Immling seiner ersten Wagner-Oper angenähert hat, das berichtet uns Nicola Schrenker.
Beitrag
Musik 1 Ouvertüre
Moderation
Immer wieder klingt sie durch, die Nähe zur frühromantischen Oper, ja gar die Motorik der Spieloper. Akkurat, dabei mit viel Lust organisiert die Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock die Münchner Symphoniker. Und die reagieren ebenso spielfreudig: musizieren mal zupackend, und dann wieder federnd-leicht den „Fliegenden Holländer“ von Richard Wagner. Das klingt zunächst etwas ungewohnt, hat aber seinen Reiz.
Musik
Moderation
Dass der Holländer auch ein Musikdrama ist, das fatalistisch, in dämonisch-bedrohlichem Ton  auf das Ende zusteuert; das scheint im Dirigat Kerssenbrocks stellenweise etwas zu verharmlost. Die dunkel-dramatischen Farben, die liefern dafür die Sänger. Allen voran die Senta von Inga Balabanova mit slawischem, sinnlich-erdigem Klang. Doch bleibt mit ihr das zentrale Besetzungsproblem dieser Oper abermals ungelöst: nämlich ein Sopran, dessen dramatische Durchschlagskraft mühelos wirkt, der dabei zugleich aber auch mädchenhaft klingt. Die Senta von Balabanova ist definitiv mehr eine reife Venus denn eine jugendlich-engelhafte Retterin ihres Holländers.
Musik
Moderation
Überwiegend überzeugend auch die Besetzung der Männer. Dimitri Kharitonov in der Titelrolle besticht mit seiner dunklen, heldischen Stimmfarbe; obgleich durch seine unklare Diktion leider die Eindringlichkeit etwas verloren geht.
Musik
Moderation
Auch der manchmal etwas kurzatmig wirkende Erik von Ralf Willershäuser muss neben einer stimmlich so überwältigenden Senta verblassen. Eine durchweg bemerkenswerte Leistung liefert schließlich Marek Gasztecki mit dem Daland: zwar ist auch er weniger Buffo-Bass, wie im Notentext musikalisch charakterisiert; dafür klingt sein dramatischer Bass nicht minder charaktervoll.
Musik
Moderation
Dass Senta stimmlich so präsent ist, spiegelt sich auch szenisch: Sie ist fast durchgehend auf der Bühne. Das Bild des Holländers, das Senta so sehr anbetet, ist ein Puzzle: das Puzzle ihrer Erinnerung, ihres Unbewussten, dessen fehlende Teile sie erst nach und nach findet. Regisseurin Verena von Kerssenbrock erzählt mit sparsamen Mitteln und klaren Bildern die geradlinige Handlung. Claus Hipp hat dafür ein schlichtes Einheitsbühnenbild entworfen: Eine breite schwarze Holztreppe. Farben und Kostüme sind klar den verschiedenen Sphären zugeordnet: Blutrot und weiß die Welt des Holländers und seiner Mannschaft; bunt und modern gekleidet dagegen die diesseitige, derb-sinnliche Welt Dalands, der Matrosen und der Mädchen; Senta ist in dieser Welt Außenseiterin; dem Holländer zugehörig, ist sie schwarz-weiß gekleidet.
So bleibt diese szenische Deutung recht nah an der Erzählung; riskiert keinen Widerspruch zu Libretto oder Partitur, verzichtet damit aber auch auf eine tiefergehende psychologische Deutung. Vor allem die Figur des Holländers erscheint dabei etwas unkonturiert – und bleibt damit nur ein bloßer Geist. Insgesamt zeigt das Opernfestival Gut Immling jedoch, dass es Wagner musikalisch wie szenisch gewachsen ist; und das liegt nicht nur an den professionellen Mitwirkenden. Denn der Festivalchor, bestehend aus Laiensängern, der singt und spielt mit so viel Herzblut, dass er die beeindruckende Gesamtleistung keineswegs schmälert.

Musik Chor


Premierenkritik
Münchner Merkur, 28. Juni 2010, von Markus Thiel


Ein bisschen Bayreuth


Spiellust und Schlagkraft des Chors: Richard Wagners „Fliegender Holländer“ beim Chiemgauer Immling-Festival

Da ist ja das fehlende Teil. Hat sich hinter der bühnenbreiten Treppe versteckt, wird von Erik nach Sentas Selbstmord geborgen und zeigt – ein Frauengesicht. Fertig ist das Riesenpuzzle und gelungen der Finalgag: der Holländer, im Arm das Erlösung bringende Weib. Dabei gibt`s den Mann gar nicht. Alles Hirngespinst, eine Wunschwahnvision Sentas, sagt die Immlinger Inszenierung. Und vertraut damit auf eine gern genommene Idee, die zum Beispiel Harry Kupfer seinerzeit in Bayreuth zum haarsträubenden Thriller ausbaute. Erstmals Wagner also und damit ein bisschen Bayreuth bei Bad Endorf, wo sich das Opernfestival Gut Immling seit 13 Jahren als zweiten Grünen Hügel sieht.
Das herrliche Ambiente bleibt sogar konkurrenzlos (so lange es einen wie am Premierenabend danach nicht patschnass regnet), der künstlerische Ertrag beachtlich. Wagner in der nobel umgemodelten Reithalle, das klappt vor allem akustisch hervorragend. Die Münchner Symphoniker lassen zwar ein, zwei Späne fliegen, entwickeln aber sonst respektable Klangschönheit. Und wenn die hochsouveräne Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock nicht auf Sicherheitstempi bauen würde (die knappe Probenzeit?), könnte auch einiges vom Furor des Wagner`schen Seestücks durch den Holzsaal fegen.
Gespielt wird weder die einaktige Ur-, noch die dreiaktige Spätfassung. Der Gastronomie geschuldet ist nach dem zweiten Aufzug Pause, der Inszenierung geschuldet muss im Finale sogar ein ärgerlicher Blackout eingelegt werden.
Stamm-Regisseurin Verena von Kerssenbrock, Schwester der Dirigentin, lässt alles zwischen den Zeiten springen: Sentas Traum(a) mit dem Holländer samt seiner weißen, untoten Mannschaft ist barockes Zitat, Sentas Gegenwart mit den blau bekittelten, aufgekratzten Schneiderinnen des zweiten Akts, der Strip-Hure und – oho! – rhythmisch kopulierenden Matrosen und wohl manch Kostüm aus Chiemgauer Kleiderschränken sehr heutig.
Am eindrücklichsten funktioniert da noch die Szenerie mit ihrer steil ansteigenden Treppe, dem zerfetzten Holländer-Segel (das auch zu Sentas Schleppe wird) und den wie Standbildern arrangierten Modepuppen: eine surreale Atmosphäre, für die Babykost-Unternehmer Claus Hipp und seine georgische Bühnenbildklasse verantwortlich zeichnen. Doch das Aufeinanderprallen beider Welten, der tödliche Psychotrip der Kapitänstochter, ihr Ausgegrenztsein, all das teilt sich nur in Spurenelementen mit. Vielleicht, weil Inga Balabanova als Senta – trotz spürbarem Potenzial – zu kontrolliert bleibt, sich nur gelegentliche Ausbrüche gestattet, in der Ballade zudem manch merkwürdige Pause.

Auch die übrige Besetzung kommt mit Wagner gut zurecht: Dimitri Kharitonov imponiert trotz gefährlich aufgerissener Töne als konditionsstarker Holländer. Marek Gasztecki ist ein verlässlicher Daland und Ralf Willershäuser ein Erik, dessen gewichtiges Material beim Otello fast besser aufgehoben wäre. Wie viel Schlagkraft, Präzision und (besonders bei den Frauen) Spiellust ein Laien-Ensemble entwickeln kann, ist aber das eigentliche Ereignis der Produktion. Der Chor also als „Holländer“-Gewinner – noch so eine Gemeinsamkeit mit dem anderen, dem „großen“ Hügel.


Sendung: Allegro, 5. Juli 2010, Aktuelle Kritik

Thema: Premierenkritik „Carmen“

Festspiele Gut Immling


Redaktion: BR Klassik/ E-Musik 1
Autor: Nicola Schrenker

Anmoderation:
Sie sind beileibe kein klassisches Opern-Liebespaar: die selbstbestimmte Zigeunerin Carmen, gesungen von einem Mezzosopran; und Don José, ein Tenor, der sich in seiner rasenden Eifersucht eigentlich wie der typische Bariton-Nebenbuhler verhält. Und doch gehört Georges Bizets „Carmen“ zu den beliebtesten und meistgespielten Opern. Denn die Titelfigur fasziniert: Den einen erscheint sie als femme fatale, deren Anziehungskraft den Soldaten Don José ins Verderben führt; den anderen als Opfer in einer von Männern und Machismo dominierten Gesellschaft. Denn Carmen liebt ihre Freiheit und Unabhängigkeit so sehr, dass sie dafür den Tod in Kauf nimmt. Daneben verblasst so manche brave Frauenfigur des 19. Jahrhunderts. Nach zehn Jahren hat das Opernfestival Gut Immling im Chiemgau nun zum zweiten Mal die Oper „Carmen“ auf die Bühne seiner Reithalle gebracht. Von der Premiere berichtet uns Nicola Schrenker.
Moderation
Eigentlich ein starkes Anfangsbild: Eine Zirkusbühne, von der Decke schwebt auf einem Trapez eine Art silber glitzernder Disko-Engel. Don José streckt ihm sehnsuchtsvoll die Arme entgegen – und peng, fällt die Frauenfigur nach unten.
Gibt es also bei den Festspielen auf Gut Immling eine ganz andere Carmen, eine ohne das unvermeidliche rote Mieder?
Nein – denn das ist nicht Carmen, sondern die Frau, die Carmen im ersten Akt im Streit verletzt. Im Libretto eine Randfigur, die nur die weitere Handlung zwischen Carmen und Don José anstößt. Dennoch setzt sie Regisseur und Bühnenbildner Tassilo Tesche zur Ouvertüre wie eine Schlüsselfigur in Szene. – Warum, das erklärt er nicht.
Immer wieder zeigen sich in der Inszenierung solche Einfälle, die als lose Enden nirgend wohin führen. So ist es optisch durchaus reizvoll, Carmen im Schaustellermilieu anzusiedeln. Doch verliert sich das Ganze zunehmend in konventioneller Personenregie mit typischen Carmen-Klischees. Begafft wird die Titelfigur dabei vom Chor. Soldaten, Arbeiterinnen und Zigeuner sind hier eine elegante Abendgesellschaft – Theater auf dem Theater also, das Premierenpublikum erblickt sich selbst auf der Bühne. – Keine ganz neue Regie-Idee. Vor allem erscheint sie zu wenig konsequent und klar umgesetzt. Erst im Finale leuchtet das wieder ein: Als Spektakel dient diesem Publikum nämlich nicht der Stierkampf, sondern Don Josés Eifersuchtsmord an Carmen.
Dramaturgische Löcher entstehen auch dadurch, dass in dieser Produktion Bizets Carmen modifiziert und gekürzt ist. Zudem verzichtet sie auf die originalen Dialoge zugunsten der weniger überzeugenden Rezitativfassung. Und hier gibt es auch für das Orchester einige Fallstricke.
Ob es nun an den andalusischen Temperaturen im Saal lag; die Münchner Symphoniker spielten unter ihrer Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock nicht ganz konstant; neben gelungenen Momenten fehlte es immer wieder an Präzision in Einsätzen und Zusammenspiel, wirkten die Tempi nicht immer stringent, die Phrasierung gelegentlich zu eckig.
Abstriche auch beim Chor, der Schwierigkeiten hatte, sich rhythmisch zu koordinieren.
Über Zweifel erhaben präsentiert sich dagegen Karine Ohanyan in der Rolle der Carmen.
Sie ist das stimmliche Zentrum dieser Produktion: führt ihren Mezzosopran souverän, und kann sich auf ihren dunklen, sinnlichen Klang verlassen; dafür verzichtet sie gestalterisch eher auf Raffinesse. Im Bass von Michael Bachtadze als Escamillo findet sie einen stimmlich ebenbürtigen, potenten Partner.
Nicht ganz mithalten können da der etwas gestemmte Tenor von Gustavo Casanova als Don José und die in der Intonation etwas unsichere Micaela von Sieglinde Zehetbauer.
Insgesamt eine durchwachsene Leistung also, die jedoch zeigt, dass bei einer so soliden Carmen-Interpretin wie Ohanyan das Werk seine Wirkung nicht verfehlt. Und, dass sich an der schillernden Figur der Carmen nicht nur Don José, sondern auch so mancher Regisseur die Zähne ausbeißen kann.
Abmoderation:
Nächste Termine für die „Carmen“ beim Opernfestival Gut Immling sind der Freitag, 09. 07., um 19.30 Uhr / Sonntag, 11. 07., 18.00 Uhr/ Samstag, 17. 07., 19.00 Uhr / Freitag. 23. 07., 19.30 Uhr/ So. 25. 07., 18.00 Uhr/ Do. 29. 07., 19.30 Uhr/ Sa. 31. 07., 19.00 Uhr/ Do. 05. 08., 19.30 Uhr/ Sa. 07. 08., 19.00 Uhr


Abendzeitung, 29. Juni 2010, von Dr. Robert Braunmüller

Regietheater mit Ziegen

Auch im Chiemgau gibt`s einen Grünen Hügel samt Bratwürsten: „Der fliegende Holländer“ von Richard Wagner beim Opernfestival auf Gut Immling nahe Bad Endorf

Die Atmosphäre ist einmalig: Vom einsam im Wald gelegenen Weiler schweift der Blick weit hinaus aufs schöne Chiemgau. Die scharf gewürzten Bratwürste schmecken besser als in Bayreuth. Und auf den Sesseln der einstigen Reithalle sitzt es sich auch viel bequemer.
Im 14. Jahr seines Bestehens wagte der Grüne Hügel bei Bad Endorf seinen ersten Wagner. Die oft sträflich unterschätzten Münchner Symphoniker brillierten als Opernorchester. Mit etwas persönlicheren Tempi und ausdrucksvoller gestalteten Schlüsselstellen könnte die klar schlagende, aber zu sehr auf Sicherheit bedachte Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock wahre Wagnerwonnen bescheren.
Das dürfte sich nach der Premiere ebenso einrenken wie der Patzer des aus lokalen Kräften gebildeten Festspielchors bei „In Gewitter und Sturm“. Schade nur, dass wegen zu knapp bemessener Herren die Spukszene unter ihren dramatischen Möglichkeiten blieb. Die überwiegend russische Herkunft der wenig subtil singenden Solisten minderte zwar die Textverständlichkeit, kaum jedoch den Charme der Darbietung.
Schön anzusehen war das blau-kühle Seestück des Babykostfabrikanten Claus Hipp. Sein Bühnenbild hätte bestens zu einer romantischen Wagner-Deutung gepasst. Ein populäres Festival bräuchte sich dessen auch in Zeiten des Regietheaters nicht zu schämen. Aber die Schwester der Dirigentin wollte mehr: Verena von Kerssenbrock braute einen dünnen Aufguss frei nach Harry Kupfers Bayreuther Inszenierung von 1978. Zum wiederholten Male ereignete sich die Geschichte in Sentas Kopf, was mangels klarer Personenführung allerdings erst in den letzten Minuten wirklich herauskam.  
Ersatzweise gab es tätowierte Schaufensterpuppen sowie ein als Puzzle über die Bühne verstreutes Porträt des bleichen Seemanns. Zum Chor „Steuermann, lass die Wacht“ wurde eine Prostituierte rangenommen. Daland navigierte sein Schiff mit dem Netbook und servierte zur Verlobung seiner Tochter mit dem Fliegenden Holländer eine Schwarzwälder Kirschtorte.
Den Spaß verdirbt das alles nicht wirklich. Denn in Immling besteht die einmalige Gelegenheit, in der Pause mit Ziegen und Ponys zu diskutieren. Das wiegt vieles auf.


Traunsteiner Tagblatt, 3. Juli 2010, von Christa Aue

Wagners Erlösungsdrama zeitgemäß

und modern interpretiert

Gelungene Premiere der Oper „Der Fliegende Holländer“ beim 14. Opernfestival auf Gut Immling

Nicht nur auf dem „grünen Hügel“ in Bayreuth, auch auf der idyllisch gelegenen Anhöhe Gut Immlings kommen Musikliebhaber auf ihre Kosten. Mit der schaurig-romantischen Oper „Der Fliegende Holländer“ von Richard Wagner setzten die Macher einen weiteren Höhepunkt in der 14-jährigen Festivalgeschichte.
Einer ständigen Entwicklung folgend, hat sich die Vision Ludwig Baumanns, fernab der Städte große Oper zu gestalten, längst erfüllt und das Opernfestival hat sich vom Geheimtipp für Kulturliebhaber zu einem der Höhepunkte im bayrischen Festspielkalender gemausert. Dabei zielt das Festivalkonzept nicht nur auf die ausgemachten Opernliebhaber ab, vielmehr macht es Oper allen Bevölkerungsschichten zugänglich. Auf Gut Immling stimmt das Gesamtpaket aus Kulturerlebnis, kulinarischem Genuss, reizvoller Landschaft und bayerischer Gemütlichkeit.
Anders als in den großen Opernhäusern geht es hier kommod zu, die steife Abendrobe weicht schon mal dem Dirndl und zur Pause kann man mit etwas Glück den Sonnenuntergang im Freien genießen. Und mitten in dieser Idylle fesselte Wagners Musikdrama das Publikum.

Mit ihrem untrüglichen Gespür für starke Bilder inszenierte Verena von Kerssenbrock Wagners Erlösungsdrama in drei Aufzügen modern und zeitgemäß. Mit der Geschichte um den Holländer, Kapitän eines Geisterschiffs, der dazu verdammt ist, für immer auf den Weltmeeren zu kreuzen und nur durch die wahre Liebe erlöst werden kann, entführt sie das Publikum in eine schaurig schöne Fantasiewelt und verknüpfte die Vergangenheit, in der Person des Holländers, gekonnt mit der Gegenwart der übrigen Akteure in einer reizüberfluteten und übersättigten Gesellschaft.
Schemenhafte Erinnerungen, Empfindungen und Gefühle stellt sie als Puzzleteile dar, die sich schlussendlich zum Gesamtbild finden. Dem Publikum wird ein Seelenspiegel vorgehalten, der im Handlungsverlauf sowohl Fantasie und Wirklichkeit, als auch Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen lässt. Wie ein roter Faden zieht sich das blutrote Segel des Bühnenbilds, gestaltet von Professor Dr. Claus Hipp, durch die Handlung und bringt Bewusstes und Unbewusstes zu Tage. Die ausgefeilte Lichttechnik von Arndt Sellentin und die Kostüme von Gretl Kautzsch rundeten den Rahmen für Wagners beliebtes Werk ab, das mit Rezitative, Balladen, Arien und Chorgesang ein hohes Können aller Akteure fordert.

Im Zentrum steht die Ballade der Senta, die von Inga Balabonova bei der Premiere am Wochenende (Sopran) bravourös gemeistert wurde. Begeisternd auch der Matrosenchor am Anfang des dritten Aufzugs, der wohl zu den berühmtesten Opernchören gehört und vom hochmotivierte Immlinger Chor mitreißend dargeboten wurde. Dimitri Kharitonov (Bariton, Holländer), Marek M. Gasztecki (Bass, Daland), Ralf Willershäuser (Tenor, Erik), Giorgio Valenta (Tenor, Steuermann) und Snejinka Avramova (Mezzosopran, Mary) waren Teil der guten Sängerriege unter der musikalischen Leitung von Cornelia von Kerssenbrock. Präzise und mit Gespür für feinste Schattierungen dirigierte sie die Münchner Symphoniker und verwob Szene und Graben zu einem gelungenen Gesamtbild.

Furios schlug die Ouvertüre dunkle, düstere Töne an, die auch bei der Arie des Holländers gehalten wurden. Mit viel Zeit und Gespür für Melos und Phrasen führte Cornelia von Kerssenbrock den „Holländer“ durch die Gezeiten. Eindrucksvoll die musikalische Gestaltung der Naturgewalten, Streicher, die die Wogen donnern lassen, Blech, das prägnant Unwetter und Blitze bezeichnet. Ein tosender Schlussapplaus war Ausdruck für eine leidenschaftliche Inszenierung und einen durchwegs gelungenen Opernabend.

Traunsteiner Tagblatt, 10. Juli 2010, von Dr. Christoph Bauer

Bizets „Carmen“

als zweite Immling-Premiere

Bewunderung für die Sänger, höfliche Skepsis gegen das Regiekonzept

Zu den Binsenwahrheiten der Operngeschichte gehört die Tatsache, dass die Pariser Uraufführung der „Carmen“ am 3. März 1878 eben kein rasanter Misserfolg war, obschon das Publikum die „Unmoral“ der Oper zu bemäkeln wusste. Und dass der frühe Tod Bizets am 13. Juni 1875 ein Resultat der künstlerischen Enttäuschung war, gehört zur Künstlerlegende, aber nicht zur Fakultät seines Lebens der Überarbeitung und der verschleppten Krankheiten.

Die Immlinger Premiere der Oper erwies sich als zweckdienliche Umsetzung des Librettos von Meilhac und Halévy, des Schwiegervaters von Bizet, unter Bezug auf Prosper Mérimées gleichnamige Novelle. Der Tonsetzer formte daraus ein „artifizielles“ Spanienbild, er selbst war niemals jenseits der Pyrenäen. Schon dieses Faktum gab dem Regisseur Tassilo Tesche – er zeichnete auch für das adäquate Bühnenbild verantwortlich – relativ generöse Deutungsmöglichkeiten, die „fragwürdig“ auch im positiven Sinne waren. Das Regiekonzept verlegte, verformte diesen „Actus tragicus“ (Bach) in einen Wanderzirkus, aus der Ferne ließ da der „Bajazzo“ Leoncavallos grüßen. Da entfiel denn – obschon nicht gänzlich – die scharf feministische Invektive, die rebellische Haltung der „Heldin“, ihr männerverschlingender Elan.
Die Schlussszene in den Arenen – üblicherweise text- und partiturgetreu als eher einsamer Totschlag an Carmen inszeniert – geschieht als „Mauerschau“ vor den Zeugen des Chors. Das mag interessant sein, aber mir ist die Stringenz der herkömmlichen Dramaturgie deutlich lieber.
Dass aus dem Beisl des Lillas Pastia eine „Nightshow“ wurde, das blieb mir eher einsichtig. Könnte es aber nicht sein, dass man auch hier der „simplen“, „veristisch“ präzisen Vorlage nichts Erhellendes, Deutendes zutraute, man daher Hilfskonstruktionen beiziehen oder „erfinden“ musste?
Die sängerischen Leistungen standen auf hohem Niveau, einem Level, das für das Ensemble markant Ehre einlegte und jede noch so weite Anreise rechtfertigte. Die jetzt in Frankreich (Nizza) lebende Armenierin Karine Ohanyan, durchaus keine strahlende, aber intensiv gestaltende Sängerin, gab die Carmen als irisierende, am Schluss zwar beinahe „verzagende“, stets präsente Diva. Prachtvoll ihre große Nummer der „Habanera“ – „L`amour est un oiseau rebelle“ und die Sequidilla „Près des remparts de Sévilla“.
Gestalterische Kraft und kantable Wucht bot uns der strahlende Tenor des Don José (Gustavo Casanova). Sieglinde Zehetbauer als trotz aller Frustrationen entschiedene Micaela (in raffinierter Alltagsaufmachung – Kostüme Wiebke Horn) präsentierte ihren Part mit edler Hingabe. Ähnliches wäre wahrhaft rühmend zu vermelden für die Damen Melanie Sandrine Arnhold (Mercedes) und Xerach Alonso (Frasquita) und die Herren Kapsung Ahn (Morales) und Eric Beillevaire, der den Zuniga verkörperte.
Den Remendado sang „comme il faut“ Aliahmed Ibrahimov. Gewisse Probleme bereitete dem Berichterstatter der Toreador Escamillo des Michael Bachtadze, der seine Rolle nicht durchgängig mit der erforderlichen Intensität meisterte, wenngleich ich nach der Pause eine (positive) Zäsur konstatierte.
Cornelia von Kerssenbrock leitete die gut disponierten Münchner Symphoniker mit Sorgfalt, elegantem Drive und edelstem Fingerspitzenfeeling. Immlinger Tradition ist wie stets der beeindruckend hohe Leistungsstand des Chores – da stimmte einfach alles!
Starker jubelnder Applaus in der ausverkauften Reithalle. Leider hatte sich die Klimaanlage nicht zum Beifall eingefunden – vielleicht hatte sie ja gerade hitzefrei!


Oberbayerisches Volksblatt, 21. Juli 2010, von Rainer W. Janka

Ein fortplanzungsfreudiger Garten

Mozarts Oper „Gärtnerin aus Liebe“ in den Gärten von Gut Immling

Mozarts Oper „Gärtnerin aus Liebe“ ist inhaltlich höchst verwirrend, weil sie aus lauter buffonesken Verwechslungen, Liebe übers Kreuz, Liebe unter falschen Vorstellungen und Liebe mit falschen Partnern im Waldesdunkel besteht, wie in einem Mini-Sommernachtstraum. Die Regisseurin Isabel Ostermann in ihrer Inszenierung auf Gut Immling versucht, Licht ins Dunkel zu bringen, indem sie den Liebesaspekt verdeutlicht, vergrößert, vergröbert.
In den Gärten vor der Halle beginnt nun ein fröhliches Kopulieren in allen Stellungen und an allen Orten, ob Podium oder Sofa oder Badewanne. Der Gartenbesitzer Don Anchise, ein erotischer Nimmersatt (spielfreudig: Jianeng Lu), schlängelt mit seiner Zofe Serpetta (temperamentvoll: Xerach Alonso) und sogar mit seiner Nicht Arminda (feurig: Maria José Rodriguez), Serpetta dann mit dem vermeintlichen Gärtner Nardo (lustig: Kapsung Ahn) und im dunklen Walde überhaupt alle mit allen. Wahrlich ein fortpflanzungsfreudiger Garten! Wenn nicht geschnackselt wird, wird von den Musikern geschnapselt.
Graf Belfiore in zu großer Lederhose mit Panamahut (dekadent-schön: Masashi Tsuji) malt ein deftiges Bild von Arminda, die ihn dafür ohrfeigt, Nardo zaubert aus den Zuschauern faule Eier und Seifenblasenkringel in die Luft, später sucht Belfiore seine Sandrina (anmutig: Jennifer Riedel) mit einem silbernen Schuh in der Hand, als wenn er Aschenputtel suchte, Cavaliere Ramiro ist verwirrenderweise eine Frau in gartengrünen Frauenkleidern (grün und kühl: Alexandra Schulz), Serpetta putzt die Zuschauertische und pfeffert von dort ihre Kommentare nach vorne, am Schluss prügeln sich alle, nachdem am Anfang Belfiore in einem jäh entwachsenen Streit seine Sandrina kurzerhand über den Zaun geworfen hatte: Es wurlt und wuselt überall zwischen Lianen und Lorbeer, plötzlich singen die, die`s können, chinesisch oder koreanisch oder japanisch, Immlings Ziegen meckern in fast richtiger Tonart dazwischen, der Zigarettendunst der Zuschauer mischt sich mit Essensdüften – und alle jungen Sänger haben einen Heidenspaß. Und das ist wohl das Wichtigste dieser Aufführung.

Die deutsche Sprache hört man deutlich, wenn auch in allen möglichen Akzenten. Am besten mit Mozart kommen Jennifer Riedel und Kapsung Ahn zurecht: Sie mit agil-geschmeidigem Sopran und er mit wohligem Bariton und einer großen Portion Komödiantik.
Das kleine siebenköpfige Orchester, von Cornelia von Kerssenbrock energisch angefeuert, dringt erstaunlicherweise gut durch und spielt befeuert, der Pianist Adrian Suciu fällt irgendwann bei der Rezitativbegleitung ins Jazzige, und siehe da: Es passt! Diese fröhliche Vermischung von allem mit allem vergnügte die Zuschauer sehr, auch die etwas Älteren amüsierten sich über die sexy Szenen, und alle applaudierten nach drei Stunden erotischem Quiproquo begeistert.


Traunsteiner Tagblatt, 22. Juli 2010, von Christa Auer

Im Immlinger Lustgarten

Premiere von Mozarts „Die Gärtnerin aus Liebe“ bezauberte das Publikum in traumhafter Freiluftkulisse

Inmitten der neuen „Lustgärten“ vor dem Festspielhaus in Gut Immling ging es hoch her, und dem Zuschauer wurde schnell klar, dass der Name nicht von ungefähr kommt. Auf dem Programm stand die Premiere von Mozarts vergnüglicher Oper „Die Gärtnerin aus Liebe“ (La finta giardiniera), und „Lust“ wurde großgeschrieben an diesem überaus unterhaltsamen Opernabend unter freiem Himmel.
Hinreißend komödiantisch erzählt der damals noch sehr junge Mozart in seiner typischen Opera Buffa die Geschichte der Gräfin Violante Onesti, die ihren Grafen Belfiore nach einem heftigen Streit und einem (Fast-)Eifersuchtsmord verlässt und sich verkleidet als Gärtnerin Sandrina ausgibt. Gemeinsam mit ihrem Diener Roberto alias Gehilfe Nardo tritt sie in den Dienst des Don Anchise, der gerade die Hochzeit seiner Nichte Arminda mit keinem anderen als dem Grafen Belfiore vorbereitet. Hinzu kommen noch zwei Liebespaare, die zunächst nicht zueinander finden können, weil sie jeweils in andere Menschen verliebt sind.
Ein vergnügliches Verwirrspiel entspinnt sich, und das Immlinger Premierenpublikum saß in erster Reihe. Denn die zauberhafte Gartenanlage vor dem Festspielhaus diente als Kulisse, und das spielfreudige Ensemble spielte zum Teil inmitten der Zuschauer. Während die noch erwartungsvoll an ihren Getränken nippten, geriet ein junges Paar in einen fürchterlichen Streit, und das Publikum war mitten in der Anfangsszene der „Sex and crime“-Oper (Originalton Ludwig Baumann) um Liebesleid und Liebesfreud.
Und da ging es heiß her. Regisseurin Isabel Ostermann wagte eine moderne, sehr spritzige und auch sinnliche Inszenierung, die mit witzigen Einfällen überraschte. Turbulent, witzig, sexy, lustvoll, spielerisch – mit Schubkarren, Strohhüten, Harken und Schaufeln. Die jungen Sänger meisterten ihre Rollen in Immlings Lustgärten mit viel Spaß und großem Können, allen voran Komödiant und Charmeur Kapsung Ahn, Gewinner des 1. Internationalen Lions Gesangswettbewerbs, der den Gärtnerin-Diener/Cousin Roberto/Nardo spielte. Ebenso gut die weitere Sängerriege mit Jianeng Lu (Don Anchise), Jennifer Riedel (bezaubernd als Marchesa Violante/Sandrina), Masashi Tsuji (Contino Belfiore), Alexandra Schulz (Cavaliere Ramiro), Xerach Alonso (Serpetta) und Maria José Rodriguez (Arminda), die vom „Immling Chamber Orchestra“ unter der versierten Leitung von Cornelia von Kerssenbrock sommerleicht getragen wurden.
Witzig auch die Kostüme von Gretl Kautzsch, die die Akteure mit praktischen, dem Anlass entsprechend bedruckten Schabern (Latzschürzen) über ihrer Kleidung ausgestattet hatte und den Grafen Belfiore in kurze Bundlederhosen steckte. Der reiste übrigens mit Rollkoffer und Staffelei an, während Arminda mit dem Traktor gebracht wurde und die Marchesa aus der Schubkarre und Cavaliere Ramiro aus einer alten Badewanne singen mussten.
Zugeklappte Sonnenschirme dienten als Behausung, der völlig verzweifelte Graf Belfiore suchte mit einem Schuh die passende Braut unter den Zuschauern, Sandrina trocknete mittels Fön die Balkonblumen oder frischte mit Pinsel und Farbpalette die Farben der Blumen in Beeten auf. Und auch eine Immlinger Ziege meisterte ihren Auftritt bravourös. Allerdings konnte auch sie den Versuchungen des Lustgartens nicht widerstehen und naschte mit großem Appetit an den Blumenbeeten. Diese erste Produktion der Akademie Gut Immling in Koproduktion mit der Staatsoper unter den Linden, Berlin, begeisterte mit Charme und Humor und machte Lust auf mehr. Einziger Nachteil: Alle Spielszenen waren nicht von allen Plätzen aus gut sichtbar. Das trübte jedoch den musikalischen Genuss nicht nachhaltig.


 
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