Hintergründe “Die sizilianische Vesper”

Oper von Giuseppe Verdi

VERBOTENE LIEBE UND REVOLUTION ZUR BESTEN SENDEZEIT!

Premiere: Samstag, 17. Juni (weitere Vorstellungen bis 28. Juli) – Termine und Tickets finden Sie hier.

Zum Stück

„Wir“ – was bedeutet dies noch inmitten gesellschaftlicher Umbrüche und unerfüllbarer Erwartungen? Mit „I vespri siciliani“ ist auf Immling ein Geheimtipp des unsterblichen Maestro Verdi zu erleben, der große Chöre und feurige Klänge in sich vereint. Politische Ränke und lange verborgen gelegene Blutbande sind Konkurrenten in einem unerbittlichen Machtkampf. Gewalt, Verrat und Rache sind getragen vom packenden musikalischen Sog. Und dennoch erwächst inmitten all dessen eine zarte Knospe junger Liebe. Wird es ihr gelingen, sich zu voller Blüte zu entfalten? „I vespri siciliani“ beweist mit hochdramatischen Melodien und sizilianischer Melancholie, dass der „Mythos Verdi“ auch abseits großer Klassiker wie „La traviata“ und „Aida“ lebt.

Der junge italienische Regisseur Stefano Simone Pintor, der bereits mehrfach für sein kreatives Schaffen ausgezeichnet wurde, legt mit der Inszenierung von „I vespri siciliani“ seine erste Arbeit in Deutschland vor. Die Münchner Symphoniker unter der Leitung von Cornelia von Kerssenbrock sind ein eingespieltes Team für Interpretationen von Verdi-Opern und werden in diesem Jahr von drei italienischen Solisten in den Hauptrollen flankiert.

Musikalische Leitung: Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock
Inszenierung: Stefano Simone Pintor
Bühnenbild: Nikolaus Hipp
Kostüme: Kerstin Rossbander
Videodesign: Francesco Mori
Lichtdesign: Arndt Sellentin
Dramaturgie: Florian Maier

Münchner Symphoniker, Festivalchor Immling

La Duchessa Elena: Emanuela Torresi
Arrigo: 
Angelo Fiore
Guido di Monforte:
 
Stefano Meo
Giovanni da Procida: 
Alexander Teliga
Danieli: 
Santiago Sanchez
Ninetta: 
Hyunjeong Ellen Yu
Tebaldo: 
Aliahmad Ibrahimov
Il Conte Vaudemont / Roberto: 
John Sweeney
Il Sire di Bethune: 
Svyatoslav Besedin
Manfredo: Yonghuan Ji

In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln

Bewegungen des Geistes – Regisseur Stefano Simone Pintor im Gespräch

Atemberaubende Klänge vor einem brodelnden Pulverfass politischer Konflikte und privater Sehnsüchte – die dritte Dekade der Festspiele Immling wird mit Giuseppe Verdis „grand opéra“ „Die sizilianische Vesper“ eröffnet. Regisseur Stefano Simone Pintor über die Oper, sein Inszenierungskonzept und die Bedeutung von Opern in der Gegenwart.

Verdi komponierte 26 Opern in seinem Leben, „Die sizilianische Vesper“ ist eine derer, die selten aufgeführt werden.

Stefano Simone Pintor: Diese Oper enthält viele Momente von seltener Schönheit, wo die „besondere Note“ des italienischen Komponisten nach wie vor vorhanden ist. Die Musikgeschichte erzählt uns, dass dieses Werk eine der bedeutendsten Opern von Verdi war. Vor allem, da es sich dabei um die erste Komposition handelt, in der er versuchte, seine eigene Sprache und Erfahrung zu erneuern. Seine Kunst mündete dadurch in einem neuen Typ des Musiktheaters, der ihn letztlich dazu inspirierte, Meisterwerke wie „Aida“ und „Don Carlos“ zu komponieren.

Im Hinblick auf Ihr Regiekonzept: Was ist für Sie der innere Kern der “Sizilianischen Vesper”?

Stefano Simone Pintor: Meiner Meinung nach ist klar erkennbar, dass Verdi viel mehr an dem persönlichen Drama seiner Figuren interessiert war als an den großen historischen Ereignissen, die sie erleben. Besonders gilt dies für diese Phase seines Lebens, als stolze Jugendopern wie „Nabucco“ oder „Ernani“ längst der Vergangenheit angehörten. Von diesem Augenblick an waren für ihn die großen Massen auf der Bühne sicherlich ein interessantes Mittel, um seine Opern zu kreieren. Er zeigte immer großes Geschick in der Gestaltung der Stücke dieser „Massen“, aber die Kraft einer einzigen menschlichen, berührenden Seele war dennoch hundert davon wert. Man könnte eigentlich sagen, dass er von den kleinen Dingen im Leben angezogen wurde – oder, mit anderen Worten, von den „Bewegungen des Geistes“ und nicht von den „Bewegungen der Revolte“.

Aber wie kann ein einzelnes Individuum seinen persönlichen Weg im „großen politischen Spielfeld“ finden? Die Essenz meines Inszenierungskonzepts beschäftigt sich mit dem Einfluss und der Bedeutung der figurativen Künste für jeden einzelnen Charakter der Oper. Kunst war das einzige propagandistische Medium für die politischen Bewegungen, als neue Informationsmedien wie Radio, Fernsehen oder Internet noch nicht existierten. Noch heute, im dritten Jahrtausend, haben die Künste diese Rolle inne, obwohl sie durch die listige Macht dieser neuen Informationstechnologien weitgehend verschleiert wird. Dennoch könnte ein Buch, ein Gemälde, ein Theaterstück oder sogar eine Oper nach wie vor als Spiegel unserer Gesellschaft fungieren. Künstlerische Leiter ermahnen die Menschen: „Make Opera Not War“. Das soll die verborgene Botschaft dieser Inszenierung sein: Die Möglichkeit, die heutige Rolle der Künste neu zu durchdenken, nachdem sie immer noch das perfekte Mittel sind, die Menschen dazu zu bewegen, nach einer besseren Welt zu suchen. Deshalb zielt das Konzept darauf ab, die figurativen Künste zum Kern der Oper zu machen.

Sie sind Gründer, Librettist und Regisseur des ersten online und virtuell beheimateten Opernhauses der Welt, „The Social Opera House“. Worin bestehen Ihrer Einschätzung nach Chancen und Risiken der Kunstform „Oper“ in der Gegenwart?

Stefano Simone Pintor: Die Wurzeln des Musiktheaters gehen zurück auf die Geburt des Theaters. Poesie, Musik und Tanz wurden als verschiedene Aspekte der gleichen einzigartigen Sache betrachtet. Das Musiktheater ist also seit mindestens 3.000 Jahren lebendig. Ich glaube nicht, dass beispielsweise das Risiko besteht, dass das Opern-Genre verschwindet. Es wird leben, solange das Theater lebt, und ich glaube, dass der Tod des Theaters noch sehr weit entfernt ist. Die Kopräsenz eines Schauspielers und eines Zuschauers im selben Raum und die besondere Verbindung, die zwischen ihnen während einer Aufführung entsteht, ist tausend virtuelle Realitäten wert. Das soll nicht heißen, dass die Oper nicht auf die neuen Technologien blicken sollte. Auch heute ist die Oper immer noch die kompletteste und multimedial künstlerische Sprache, die existiert. Es ist das einzige Genre, das man als Gefäß für eine unbegrenzte Anzahl künstlerischer und technischer Disziplinen nutzen kann. Was wir im „Social Opera House“ versuchen, ist, dieses Genre für die enormen Möglichkeiten zu öffnen, die uns die neuen Informationstechnologien bieten, indem wir neue Methoden der Verwirklichung dieser Opern für das neue Publikum erarbeiten. Das einzige wirkliche Risiko, das ich sehe, ist die Verschließung vor allem Neuen. Das Risiko ist, dass wir uns an eine leere Tradition klammern. Eine antike Vision eines Genres, das ganz im Gegenteil alles Potenzial hat, sich selbst zu erneuern –  und dabei zwar eine starke Verbindung zu ihrer Vergangenheit bewahrt, aber auch neue Wege findet, um zur Jugend von heute und morgen zu sprechen.

Das innere Wesen

Einblicke in die Arbeit der Kostümbildnerin Kerstin Rossbander

Dresden, 1985. In einem großen Ballsaal präsentieren viele Künstler der DDR unter dem Titel „Multimedia“ gemeinsam eine Werkschau ihrer künstlerischen Schöpfungen. Von der Empore hängen Faltrollos aus Papier, die mit Malereien und Gedichten verziert sind und das Geschehen im Saal visuell untermalen, das von Freejazz-Performances über Lyrik bis hin zu modernen abstrakten Tänzen reicht. Auch eine junge Modedesignerin namens Kerstin Rossbander nimmt teil, um mit ihrer ersten Modenschau ihr kreatives Schaffen vorzustellen. „Das war ein prägender Tag für mich, da auch ein Regisseur vor Ort war. Er hat mich entdeckt und wünschte sich die Art und den freien Geist meiner Kollektion für seine Inszenierung von Shakespeares `Der eingebildete Kranke`“, erzählt sie in Erinnerung an die Zeit, bevor sie nach West-Berlin übergesiedelt ist. Auch dort kommt sie nicht von der Bühnenkunst los, arbeitet lange als Kostümbildnerin in verschiedenen Genres, von Schauspiel und Oper über Ballett und Musical bis hin zum Film. Irgendwann beschließt sie, die Theaterwelt gegen die „innere Bühne“ zu tauschen und sich als mediale Lebensberaterin neuen Ufern zuzuwenden. „Auch hier geht es sehr stark um schöpferische Kreativität. Wenn ein Mensch die Summe aus seiner Vergangenheit, seinem Derzeitigen und seiner Zukunft so betrachtet, dass er dabei immer das Herz offen hält und sich nicht verstellt, kann dies immer neue Blickwinkel eröffnen“.

Seit einem Jahr nun lebt Kerstin Rossbander am Chiemsee und kehrt damit nach einer längeren Pause von der Theaterbühne zu ihren kreativen Wurzeln zurück – als Kostümbildnerin der Verdi-Inszenierung „Die sizilianische Vesper“. „Ich liebe das Genre der Oper. Einerseits aufgrund des großen Pathos, der Musik und der großartigen Stimmen, andererseits aber gerade auch wegen der großen Freiräume im Kostümwesen, wo man verschiedenste Einflüsse und Ideen miteinander in Bezug setzen kann.“

Umbrüche im Leben eines Menschen könnten das eigene Wirken mit der Freiheit verbinden und völlig neue Potenziale eröffnen, erzählt sie. Gedanken, die sich direkt auf die in Kürze anstehende Opernpremiere übertragen lassen. „Verdis Oper beschäftigt sich intensiv mit der Entscheidungsfreiheit zwischen zwei Alternativen und deren Gleichzeitigkeit: Liebe – Hass, Akzeptanz – Intoleranz oder Respekt – Verrat. Dies spiegelt sich auch in den Figuren und dementsprechend in ihren Kostümen wider“, erklärt Kerstin Rossbander.

Etwa in Form von Arrigo, der in der Inszenierung von Stefano Simone Pintor als junger Künstler gezeigt wird. Eine Figur, die sich der Zuneigung zu Elena und der Verbundenheit zum unterdrückten Vaterland einerseits und der Hassliebe zum wiederentdeckten Vater, Sinnbild des Schreckensregimes andererseits stellt. Kerstin Rossbander nimmt ihn als den selbständigsten und unabhängigsten Protagonisten in Verdis Oper wahr – dementsprechend wird auch seine Kleidung unangepasst eine Sehnsucht nach Freiheit und Weite ausdrücken. „Wenn man das Libretto liest, finde ich es erstaunlich, dass sich ein junger Sizilianer an eine österreichische Herzogin heranwagt, um sie zu lieben. Dass er sich überhaupt so frei fühlt, ihr entsprechen zu können, zeigt, dass er frei ist von kulturellen oder nationalen Barrieren und das Herz sprechen lässt.“

Gerade diese Eigenständigkeit und Authentizität seien es, die in einer Frau wie Elena das Interesse an Arrigo erwecken. Dennoch geht es ihr im Verlauf der Handlung zunächst nicht um ihr eigenes Glück, sondern um Rache an Monforte und seinen französischen Soldaten für den Tod ihres Bruders. Das Verharren in Trauer möchte sie nicht offen zeigen, sondern mit ihrer Pracht und Eleganz dem vielmehr entgegentreten – für Kerstin Rossbander ist Elena eine starke Persönlichkeit, die als letzte verbleibende Institution eines untergegangen Regimes dessen Anmut nach außen hin vermitteln möchte.

Damit stellt sie gewissermaßen einen Gegenentwurf zum französischen Gouverneur Monforte dar. Zwar als Diktator präsent, ist er innerhalb des Inszenierungskonzepts doch nur eine müde Hülle seiner selbst, die sich hinter der verschlossenen Bekleidung und Art seines Ausdrucks nach der neu entdeckten Verbindung zu Sohn Arrigo sehnt. Nur im Privaten ist er wirklich zu Hause und öffnet die Tür zu seiner Gefühlswelt – einer einsamen Ödnis aufgrund verpasster Liebe, die durch Macht und Statussymbole nicht zu erreichen ist.

„Machmal kann es die Geduld sein, eine Sache anzunehmen und wieder aus einem neuen Blickwinkel zu sehen. Hierin sehe ich die große Herausforderung für die handelnden Personen in Verdis Werk: Sich nicht dem Hass und dem Krieg hinzugeben, sondern auf ihre inneren Stimmen zu hören. Eine sehr aktuelle Thematik, die sich ja auch in dem diesjährigen Motto der Festspiele Immling, `Make Opera Not War`, ausdrückt“, so Kerstin Rossbander.